«Wir bieten zu wenig Medizinstudienplätze an!»

Ein Anliegen der FMH ist die Sicherung einer qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung. FMH-Präsident Jürg Schlup bezieht Stellung zu Ärztemangel, Masseneinwanderungs-initiative und Numerus clausus.

 

FMH-Präsident Jürg Schlup: «In der Medizin gibt es keinen Mangel an Bewerbern, sondern zu wenig Ausbildungsplätze.»  Bild: Iris Krebs


Politik+Patient: Der Ärztemangel ist Realität. Der Bundesrat will 100 Millionen in zusätzliche Medizinstudienplätze investieren. CVP-Nationalrätin Ruth Humbel hingegen will den Numerus clausus abschaffen und durch ein Praktikum ersetzen. Welche Massnahmen bringen den gewünschten Erfolg?
Jürg Schlup: Wir bieten in der Schweiz schlicht zu wenig Medizinstudienplätze an! Anfang der 1980er-Jahre wurden pro Jahr 1000 Ärztinnen und Ärzte diplomiert. Ab 1985 bis 2010 waren es noch 700. Seit den 1980er-Jahren ist die Bevölkerung aber von 6 auf 8 Millionen angewachsen. Der Numerus clausus hat mit diesem Mangel an Studienplätzen nichts zu tun – er wurde ja erst 1997 eingeführt und regelt seither die Zuteilung der verfügbaren Plätze. 2014 haben sich 4500 junge Menschen um einen der 1600 Studienplätze beworben. In der Medizin gibt es keinen Mangel an Bewerbern, sondern zu wenig Ausbildungsplätze. Dieses Problem lösen weder eine Abschaffung des Numerus clausus noch die Einführung von Praktika, wie sie Nationalrätin Humbel fordert.

Macht es aus liberaler Sicht überhaupt Sinn, wenn der Staat eine „Steuerung“ der Medizinerausbildung vornimmt?
Wie viele Ärzte welcher Fachrichtungen brauchen wir in Zukunft? Die Fehlsteuerung von heute sind die Planungsfehler von morgen.

Bundesrat Berset hat den Hausärzten zusätzliche 200 Millionen Franken zugesagt – kommt jetzt alles gut?
Eine Besserstellung der Hausärzte ist wichtig. Diese aber über eine Umverteilung mittels punktuellem Tarifeingriff zu realisieren ist falsch, weil weder sachgerecht noch betriebswirtschaftlich korrekt. Ohne zusätzliche Studienplätze bilden wir weiterhin nicht genügend Ärzte aus. Neben den Haus- und Kinderärzten sind beispielsweise auch die Anästhesisten Mangelware. Auch bei den Allgemeinchirurgen werden schon Lücken sichtbar. Die Anzahl Studienplätze wird seit 2009 von den Fakultäten erhöht – bis sich das auswirkt, werden wir die 2020er-Jahre erreicht haben. Und die bis heute erreichte Erhöhung wird noch nicht genügen!

Frau Humbel begründet ihren Vorstoss auch damit, dass der heutige Zulassungstest zunehmend kritisiert werde. Teilen Sie diese Kritik?
Die Fragen im Auswahlverfahren werden kritisiert, seit es diesen Test gibt. Verbesserungen sind notwendig, zum Beispiel die Berücksichtigung von Sozialkompetenz, Empathie und praktischen Fähigkeiten. Das ist aber schwierig zu messen. Immerhin wird der Test jährlich verbessert, die Universität Fribourg hat ein entsprechendes Mandat. Grundsätzlich sind wir gegen einen Numerus clausus, aber wir benötigen ein Selektionssystem, solange wir zu wenig Studienplätze anbieten. Und zwar ein System, das trotzdem möglichst viele Studienabschlüsse erlaubt.

 

An den Universitäten werden künftig wohl jährlich etwa 800 Studenten ausgebildet werden. Nötig wären gemäss BAG aber 1300. Wie soll mit der Differenz umgegangen werden?
2014 haben in der Schweiz 850 Mediziner ihr Studium mit dem Arztdiplom abgeschlossen, Tendenz steigend. Das liegt daran, dass die fünf Medizinfakultäten in der Schweiz seit 2009 ihr Angebot an Studienplätzen um ungefähr 40 Prozent erhöht haben. Dank dieser bis heute erfolgten Erhöhung der Anzahl Studienplätze werden wir 2020 über 1000 Diplomierungen pro Jahr erreichen. Auch 2030 werden wir weiterhin auf Ärzte mit ausländischem Diplom angewiesen sein, um unsere Versorgung sicherzustellen. Heute hat rund ein Drittel der in unserem Land berufstätigen Ärzte ein ausländisches Diplom. Dieser Anteil wird wegen der Pensionierungswelle noch steigen - zumindest passager.

Wie bewerten Sie die Personenfreizügigkeit der EU im Bezug auf die «blauen Berufe»?
Das hohe Versorgungsniveau im Gesundheitswesen können wir heute nur dank Fachkräften mit ausländischem Diplom aufrechterhalten. Dies gilt sowohl für die Ärzte als auch für die Pflegenden. Daher ist die FMH besorgt über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative mit einer Kontingentslösung.

Mitte 2016 läuft die Übergangsfrist für die Zulassungsbeschränkung für Spezialärzte ab. Der Bundesrat will die Kantone ermächtigen, die Zulassung von Ärzten selber zu steuern. Warum wehrt sich die FMH gegen diesen Vorschlag?
Der Zulassungsstopp gilt in der Schweiz mittlerweile seit 13 Jahren. Es existieren keine Studien, die zeigen, dass dieser Stopp einen Einfluss auf die Kosten hat. Er hat aber junge, in der Schweiz ausgebildete Ärztinnen und Ärzte in den Spitälern festgehalten. Gesteuert wird bislang sektoriell, das heisst, nur im praxisambulanten Sektor, nicht aber im stationären und im spitalambulanten Bereich. Das führt zu Ausweichbewegungen der Ärzte zwischen den Sektoren– ein klassisches Beispiel für eine Fehlsteuerung.

 

Die FMH spricht sich gegen jede Zulassungssteuerung aus – ist dies im Bereich der obligatorischen Krankenversicherung nicht eine extreme Position?
Wir würden eine Weiterführung der seit 2013 geltenden Zulassungssteuerung mit qualitativen Kriterien akzeptieren: Zugelassen werden Ärzte, die drei Jahre Tätigkeit an einem anerkannten Weiterbildungsspital der Schweiz nachweisen können und über die notwendige Sprachkompetenz in einer Landessprache verfügen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) prüft zur Zeit, wie die Weiterbildung bzw. die Facharztausbildung gesteuert werden könnte. Aus meiner Sicht kann die Facharztausbildung nur mit Anreizen und guten Rahmenbedingungen beeinflusst werden, eine behördliche Steuerung birgt die Gefahr einer Fehlversorgung.

 

Die FMH spricht sich nach wie vor gegen eine Lockerung des Vertragszwangs aus. Was nützt die freie Arztwahl dem Patienten? Was der Ärzteschaft?
Die FMH ist der Meinung, dass die Patienten die Qualität ihrer Ärzte besser beurteilen können als die Versicherer. Die FMH will die Wahl des Arztes, der Ärztin den Patienten und nicht den Krankenversicherungen überlassen. Momentan ist ein Vorstoss der SVP im Parlament hängig, der die Vertragsfreiheit einführen möchte. Das Thema ist also hochaktuell.

 

 

Jürg Schlup, besten Dank für das Gespräch.

 

 

Politik+Patient 3/15