Umdenken in der Kostendiskussion

Politiker, Journalisten und Ökonomen sprechen gerne von einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen. So exponentiell wie viele Experten uns weismachen wollen, steigen die Ausgaben aber nicht. Ärzte fordern eine andere Kostenberechnung.

 

Jedes Jahr präsentieren die Statistiker des Bundes neuste Zahlen zum Schweizer Gesundheitswesen. Und Jahr für Jahr verkünden sie neue Höchstwerte: Für 2014 beziffern sie ein Gesamtvolumen von 71,2 Milliarden Franken. Ein Plus von 2,8 Prozent zum Vorjahr. Grösster Kostenblock sind die stationären Leistungen in den Spitälern (44,8%), gefolgt von den Ausgaben für ambulante Behandlungen von Ärzten, Zahnärzten und weiteren Gesundheitsfachleuten (34,9%). Pro Kopf und Monat werden in der Schweiz aktuell 724 Franken für Güter und Dienstleistungen des Gesundheitswesens ausgegeben. Die finanzielle Hauptlast tragen dabei die privaten Haushalte, die für über 60 Prozent der Leistungen aufkommen. So belasten die Prämienrechnungen unterdessen auch solide Haushaltsbudgets vieler mittelständischer Familien und machen das Gesundheitswesen zum medialen und politischen Dauerthema. Der Ruf nach griffigen Massnahmen zur Kosteneindämmung ist verständlich. Laute Polemik ist allerdings fehl am Platz. Politik+Patient plädiert für eine umfassende Sichtweise auf die Entwicklung der Gesundheitskosten.

Gesundheitskosten sind das Produkt von nachgefragter Menge und bezahltem Preis. Betrachten wir die Preisseite: Besonders erhellend ist der Blick über die Landesgrenze: Denn die Preise für Gesundheitsleistungen sind in der Schweiz – anders als in vielen europäischen Staaten – gesunken (siehe Grafik 1). Der Preisindex des Schweizer Gesundheitswesens ist zwischen 1996 und 2014 um 2,3 Prozentpunkte gefallen. Im gleichen Zeitraum haben sich in den Niederlanden und Grossbritannien die Preise für medizinische Leistungen um 30 und mehr Prozent verteuert. Ist dies ein Erfolg für die viel gescholtenen politischen Regulierer?

 

 


Grafik 1: Wir bezahlen heute weniger für Gesundheitsleistungen als noch 1996.

 

Erhebliche Spareffekte bei Medikamenten
Mit Blick auf den Landesindex der Konsumentenpreise (Grafik 2) fällt das Ergebnis zwiespältig aus: Während ärztliche Leistungen seit mehr als 15 Jahren gleich viel kosten, weist der Spitalsektor eine Teuerung von beinahe 20 Prozent auf. Dagegen liessen sich bei den Medikamentenpreisen erhebliche Spareffekte erzielen. Der Preisindex für Medikamente, der rund 200 der meist verschriebenen Arzneimittel umfasst, war 2014 mehr als 35 Prozent tiefer als 1996. Die Preissenkungen sind auf eine Reihe von griffigen Massnahmen – jüngst den so genannten Auslandspreisvergleich – zurückzuführen. Seit Juni 2015 zieht das BAG zur Preisermittlung kassenpflichtiger Präparate die Durchschnittspreise von neun wirtschaftlich vergleichbaren Staaten Europas (u.a. Deutschland, Schweden, Niederlande) heran. Und die Patienten dürfen auf weitere Einsparungen hoffen. Denn: Das Bundesgericht hat entschieden, dass das BAG neben Auslandspreisen künftig auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Vergleich zu anderen Arzneimitteln mit ähnlicher Wirkung berücksichtigen muss. Die neuen Preisbestimmungsregeln sollen ab 2017 gelten.

 

 
Grafik 2: Ein differenzierter Blick auf die Kosten zeigt: Die Preise im Gesundheitswesen lassen sich erheblich leichter steuern als die Nachfrage.

 

Medizinische Innovationen wirken kostendämpfend
Während die Regulierer erfolgreich an der Preisschraube der Medikamente drehen, gestaltet sich die Steuerung der Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen erheblich schwieriger. Gesundheitsökonomen listen dafür eine Reihe von Gründen auf: medizin-technischer Fortschritt, steigende Lebenserwartung, aber auch Überversorgung, eine übertriebene Erwartungshaltung sowie fehlende Sparanreize. Doch gerade medizinische Innovationen könnten künftig kostendämpfend wirken. Schon heute verweilen Patienten weniger lange in Akutspitälern als noch vor zehn Jahren, im Schnitt 6,2 Tage. Eine bedeutende Entwicklung: Denn stationäre Behandlungen machen in der Schweiz fast die Hälfte der Gesundheitskosten aus. Zahlreiche Eingriffe, welche die Ärzte früher stationär durchführten, gelingen heute ambulant. Ein Beispiel: Eine Krampfadern-Operation kostet heute stationär 7400 Franken, ambulant 2600 Franken. Ambulante Behandlungen sind nicht nur billiger und patientenfreundlicher, sondern haben auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Patienten gehen früher nach Hause, sind schneller wieder arbeitsfähig und beanspruchen weniger Sozialleistungen.

 

Beschränkte Kostenoptik
Die Ärzteschaft fordert deshalb schon lange ein Umdenken in der Kostendiskussion. Eines der grössten Versäumnisse besteht darin, dass Behörden und Institutionen nur Teilkosten des Gesundheitswesens erfassen und nicht die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten. Einsparungen beispielsweise bei den Taggeldern und Invalidenrenten werden nicht berücksichtigt. Dadurch können falsche Anreize gesetzt und Fehlentwicklungen gefördert werden, die oft sogar höhere Gesamtkosten auslösen. Die beschränkte Kostenoptik bewirkt, dass der Nutzen der Medizin unterbewertet, die Kosten dagegen überbewertet werden.

 

Politik+Patient 3/16