Wie viel kostet ein längeres Leben?

Die Kosten des Gesundheitswesens sind ein Dauerthema in der politischen Diskussion. Es lohnt sich, hin und wieder die Perspektive zu wechseln und zu fragen: Was bekommen wir für unser Geld?

 

Das Schweizer Gesundheitssystem belegt im weltweiten Vergleich einen Spitzenrang. Dass das so bleibt, hat seinen Preis. Noch weit mehr als die Gesundheitskosten steigen die Prämien. Bund, Parlament, Krankenkassen und Ärzte unterbreiten regelmässig Lösungsansätze, die mal mehr, mal weniger drastisch sind. Was in dieser Diskussion gerne vergessen wird: Wir bekommen viel für unser Geld. In den letzten 20 Jahren hat die Schweizer Bevölkerung enorm profitiert von den Fortschritten in der Medizin und im Gesundheitswesen. Dieser Nutzen geht in den steten Kostenklagen der Gesundheitspolitik völlig unter.

 

Höhere Lebenserwartung ist kein Kostentreiber
Häufig genannte Kostentreiber des Gesundheitssystems sind die alternde Bevölkerung und der medizinische Fortschritt. Das mag aus Sicht des Systems stimmen. In den Ohren des Patienten jedoch klingt das zynisch. Ein längeres Leben und der Zugang zu modernen medizinischen Behandlungen sind doch positiv zu
werten! In den letzten 20 Jahren stieg die Lebenserwartung von Männern um 2,9, jene von Frauen gar um 4,7 Jahre. Auch die vorzeitigen Todesfälle – vor dem 75. Altersjahr – haben in diesem Zeitraum deutlich abgenommen. Und im Pensionsalter dürfen wir uns auf mehr gesunde Lebensjahre freuen. Dass die Schweizer immer älter werden, bedeutet nicht, dass sehr viel höhere Gesundheitskosten entstehen. Die medizinische Versorgung kostet im letzten Lebensjahr am meisten, dann, wenn die intensivsten Behandlungen anfallen. Besonders hoch sind diese Kosten im letzten Lebensjahr bei Patienten zwischen 50 und 70 Jahren. Im höheren Alter sinken sie wieder deutlich. Und da jeder Mensch nur einmal stirbt, bleiben die Kosten am Lebensende für die Gesellschaft konstant. Diese These wurde vom Basler Ökonom Stefan Felder mit empirischen Untersuchungen belegt. Es ist also durchaus im Sinne der Gesellschaft, dass wir lange leben – und dabei gesund bleiben.


Den Krebs überstehen
Wir leben nicht nur länger, sondern sterben auch weniger oft an schweren Krankheiten. Am Beispiel von Krebs, einer der häufigsten Todesursachen bei den 45- bis 84-Jährigen in der Schweiz, lässt sich das gut zeigen. Gemäss dem Schweizerischen Krebsbericht 2015 ist die Sterblichkeit bei den meisten Krebsarten rückläufig. Von 1983 bis 2012 nahmen die Sterbefälle bei den Männern um 36 Prozent, bei den Frauen um rund 27 Prozent ab. So steigt die Chance, eine Krebsdiagnose längerfristig zu überleben. Heute leben 65 Prozent der Männer und 68 Prozent der Frauen auch noch fünf Jahre nach einer Krebsdiagnose. Im Vergleich: Vor 20 Jahren waren es im Durchschnitt nur 56 Prozent der Männer und 62 Prozent der Frauen. Zurückzuführen ist diese Verbesserung auf die zunehmende Früherkennung von Tumoren sowie auf bessere Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel bei Kehlkopf-, Magen-, Brust- oder Prostatakrebs. Gleichzeitig hat die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen leicht zugenommen. Erstaunlicherweise spricht dies ebenfalls für unser gut funktionierendes Gesundheitssystem: Durch regelmässige Vorsorgeuntersuchungen werden mehr Krankheitsfälle früher entdeckt und häufiger noch rechtzeitig behandelt.

 

Und was nutzen die hohen Kosten? Ganz schön viel. Unter dem Strich fliesst sogar Geld zum Prämienzahler zurück, weil die Menschen länger leben, arbeiten und konsumieren. (Bild: unsplash.com)


Volkswirtschaftliche Vorteile
Auch wenn es paradox scheint: Wenn Menschen weniger häufig an schweren Krankheiten sterben, steigen die Gesundheitskosten. Denn wer etwa eine Krebserkrankung überlebt, der braucht nicht nur eine gute medizinische Behandlung, sondern nach der Heilung vielleicht eine Rehabilitation und später regelmässige medizinische Kontrollen. Auch im Lauf seines weiteren Lebens wird er wie alle Menschen hin und wieder Medikamente einnehmen oder zum Arzt gehen müssen. Gleichzeitig entsteht aber auch ein wirtschaftlicher Nutzen. Allgemein werden Spitalaufenthalte und damit die Erwerbsunterbrüche kürzer. Immer weniger Patienten sind nach einem Unfall oder nach schwerer Krankheit dauerhaft arbeitsunfähig, sondern sie werden rasch wieder ins Arbeitsleben eingegliedert. Diese Menschen stützen die Volkswirtschaft des Landes, sie konsumieren und bezahlen über Jahre hinweg Sozialabgaben und Steuern. Dank unserem  ausgezeichneten Gesundheitswesen ist die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit sehr tief. Diese Faktoren kommen in der Diskussion um die gestiegenen  Gesundheitskosten nur selten zum Tragen.


Das Gesundheitswesen als Wirtschaftsfaktor
Nicht zuletzt spielt das Gesundheitswesen auch als Wirtschaftsfaktor eine entscheidende Rolle. Rund 380’000 Menschen arbeiten in der Medizin- oder Pharmabranche – das ist jeder zwölfte Arbeitstätige in der Schweiz. Die Branche bietet Arbeitsplätze sowohl für hochqualifizierte Arbeitnehmer als auch für Menschen ohne formale Ausbildung. Darüber hinaus sind Gesundheits- und Pharma-Unternehmen wichtige Steuerzahler in den Gemeinden und Kantonen. Auf diese Weise fliesst zumindest ein Teil der Gesundheitsausgaben zum Prämienzahler zurück.

 

Politik + Patient 4/17