Steigerung auf höchstem Niveau

Die Qualität des Schweizer Gesundheitswesens wird immer besser. Dies besagt eine Studie, welche die Entwicklung von 195 Gesundheitssystemen der letzten 25 Jahre untersucht hat.

 

Das Schweizer Gesundheitswesen ist Weltspitze. Wiederholt rangiert es in internationalen Studien auf den vordersten Plätzen – so auch in der jüngsten Untersuchung der Universität Washington (USA). Forscher haben Zugang und Qualität von 195 nationalen Gesundheitssystemen verglichen. Dabei analysierten sie Todesraten bestimmter Krankheiten. Sie werteten weltweite Daten von 32 Krankheiten aus, die mit modernen Therapien eigentlich gut behandelbar sind und nicht zum Tod führen müssen. Dazu zählen Tuberkulose, Durchfallerkrankungen, Tetanus, aber auch Krebsarten wie Gebärmutterhalskrebs oder Hodenkrebs. Ihre Argumentation: Je häufiger eine dieser Krankheiten tödlich verläuft, desto schlechter der Zugang und die Qualität des Gesundheitssystems. Um die Ergebnisse global zu vergleichen, erstellten die Wissenschaftler einen Gesundheitswesen-Index (Healthcare Access and Quality Index; HAQ-Index). Ihr Fazit: In 167 Ländern ist die Qualität der Gesundheitsversorgung in den letzten 25 Jahren deutlich besser geworden – so auch in der Schweiz. Zwischen 1990 und 2015 stieg der Index des Schweizer Gesundheitswesens von 81,4 auf 91,8 Punkte. Damit erzielt die Schweiz den dritthöchsten Wert aller untersuchten Länder.

 

 

Schweizerinnen und Schweizer profitieren nicht nur von exzellent ausgebildeten, hochmotivierten Ärzten und Pflegepersonen, sie haben auch vergleichbar einfachen Zugang zur medizinischen Versorgung. (Bild: iStockphoto.com)

 

Die Studie ist erkenntnisreich, weil die Forscher für jedes Land neben dem HAQ-Index auch einen Index für das Gesundheitssystem errechneten, den das Land aufgrund seiner wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung erreichen könnte. Während es der Schweiz gelingt, ihr vorhandenes Qualitätspotenzial auszuschöpfen, weisen die Gesundheitssysteme der Nachbarstaaten Deutschland und Österreich  Nachholbedarf auf. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher in der renommierten Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht. Warum hat die medizinische Betreuung hierzulande in den vergangenen Jahren an Qualität gewonnen? Politik+Patient fragte nach bei Aristomenis Exadaktylos, Professor und Chefarzt des universitären Notfallzentrums des Berner Inselspitals.

 

Herr Professor Exadaktylos, dem Schweizer Gesundheitswesen gelingt es, sich auf höchstem Niveau weiter zu steigern. Woran liegt das?
An drei Faktoren: Ärzteschaft und Pflegepersonal sind exzellent ausgebildet, hoch motiviert und im ganzen Land flächendeckend verteilt. Schweizer Patienten haben einfachen Zugang zur medizinischen Versorgung. Wartelisten für Behandlungen, wie in anderen Ländern üblich, kennen wir nicht. Der hohe Aufwand schlägt sich allerdings in hohen Kosten nieder.

 

Die Forscher bemessen Qualität anhand vermeidbarer Todesfälle. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Die Methode ist heute in der Wissenschaft Standard. Sie vereinfacht die statistische Auswertung und ermöglicht weltweite Vergleiche von häufigen Krankheiten, von denen man inzwischen weiss, dass sie ohne medizinische Behandlung tödlich enden.

 

Wie definieren Sie gute Qualität im Gesundheitswesen?
Alle Bestrebungen, welche – unter Einbezug von Wissen und Wissenschaft – die Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft auf hohem Niveau halten und verbessern. Höchstes Qualitätsziel: Niemand sollte sterben, nur weil er eine seltene Krankheit hat.

 

In welchen medizinischen Bereichen hat sich die Qualität aus Ihrer Sicht am meisten verbessert? Und wie profitieren Ihre Notfallpatienten davon?
Grundsätzlich in allen Bereichen. In der Notfallmedizin hat die moderne Bildgebung, Computertomografie wie Röntgen, unsere Diagnostik erheblich verbessert. Schlaganfälle oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können wir heute besser, schneller und erfolgreicher behandeln und die Sterberate markant verringern.

 

Wo sehen Sie noch Steigerungsbedarf?
In der Effizienz. Hier liegt die Schweiz gar hinter Italien und Griechenland. Wir leisten uns beispielsweise 12 Schwerstverletzten-Zentren, die alle ähnlich arbeiten. Unser Gesundheitswesen muss besser koordiniert werden, die Akteure stärker miteinander kooperieren. Sonst wird die Qualität so teuer, dass wir sie uns nicht mehr leisten können.