Die wahren Kostentreiber

Um den Kostenanstieg im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, werden ständig neue Massnahmen diskutiert.
 Ein Plan folgt auf den nächsten. Doch auf die wahren Kostentreiber hat die Gesundheitspolitik kaum Einfluss.

 

In der Schweiz ist fast jede dritte Person ab 15 Jahren von einer chronischen Krankheit betroffen. Dazu gehören zum Beispiel Herzkrankheiten, Krebs oder chronische Atemwegserkrankungen. Diese weite Verbreitung geht ins Geld. Chronisch Kranke verursachen ungefähr 80 Prozent der direkten Gesundheitskosten in der Schweiz. Hinzu kommen indirekte Kosten, etwa durch Erwerbsunterbrüche oder Pflege durch Angehörige. Weil die Gesellschaft altert, steigen diese Kosten weiter an. Das stellt nicht nur das Schweizer Gesundheitswesen vor grundlegende Herausforderungen. Auch in anderen Industrieländern stossen Gesundheitspolitiker mit ihren Rezepten zur Kostendämpfung an Grenzen. Insbesondere dort, wo sie alleine nicht viel ausrichten können. Das ist bei den nachfolgenden Kostentreibern – Liste nicht abschliessend – der Fall.


Der medizinische Fortschritt
Man würde erwarten, dass der medizinische Fortschritt die Kosten senkt. Das geschieht – zumindest pro Fall gerechnet – dann, wenn bewährte Therapien durch neue, kostengünstigere ersetzt werden. Ein Beispiel: In der Behandlung des Diabetes Typ 1 werden zunehmend Insulinpumpen und Glukosesensoren eingesetzt. Damit können die Betroffenen ihren Blutzuckerspiegel besser regulieren. Dank der langfristig guten Einstellung des Blutzuckerwerts werden Folgekomplikationen vermieden – und so natürlich Kosten gespart. Allerdings nehmen die Fallzahlen, also die Zahl der Betroffenen, zu. Wenn es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten gibt und die Nachfrage steigt, dann erhöhen sich die Kosten (allerdings auch der Nutzen, cf. Politik+Patient 4/2018: «Der Wert der Medizin»). Dies trifft noch viel stärker zu, wenn Therapien für bisher unheilbare Krankheiten gefunden werden.

 

Forschung bringt Fortschritt und neue Therapiemöglichkeiten. Doch mehr Möglichkeiten bedeutet auch mehr Nachfrage. (Bild: iStockphoto)

 


Die demographische Entwicklung

Bei der Demographie stechen insbesondere zwei Entwicklungen hervor: die Alterung der Gesellschaft sowie das Bevölkerungswachstum. Ersteres führt zu höheren Kosten, weil die Lebensverlängerung in vielen Fällen vor allem eine Zunahme der sehr pflege- und kostenintensiven Jahre mit chronischer Multimorbidität bedeutet. Dass mit dem Anwachsen der Bevölkerung die Kosten steigen, ist offensichtlich: Je mehr Menschen in der Schweiz leben, desto mehr nehmen auch medizinische Leistungen in Anspruch.


Der allgemeine Wohlstand
Reiche Länder geben pro Einwohner nicht nur in absoluten Zahlen gemessen, sondern auch im Verhältnis zum Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt mehr für die Gesundheitsversorgung aus als weniger reiche Länder. In der Ökonomie wird Gesundheit als superiores Gut bezeichnet. Das heisst, dass es mit steigendem Einkommen überproportional stark nachgefragt wird. Bei einem stetig wachsenden Wohlstand folgt daraus, dass wir einen immer grösseren Anteil unseres Einkommens für Gesundheit ausgeben.

 

Weil wir es uns wert sind
Die Herausforderungen, vor denen unser Gesundheitswesen steht, sind komplex. Einfache Lösungen wie beispielsweise Rationierung greifen zu kurz und sind im Volk unerwünscht. Es ist unbestritten, dass die Kosten der Gesundheitsversorgung nicht ins Unermessliche wachsen dürfen. Was jedoch zu häufig vergessen geht: Mit dem Anstieg der Kosten steigt auch die Wertschöpfung. Soll heissen: Im Gesundheitswesen wird vor allem etwas hergestellt; nämlich das überaus nützliche und deswegen von allen nachgefragte, höchste Gut Gesundheit.

 

Politik+Patient 4/18