Zum Knochenbrechen in die Schweiz

Was passiert, wenn ich im Ausland verunfalle? Was viele fürchten, ist der japanischen Zahnärztin Yasuko Takeuchi passiert – in der Schweiz. Über ihre Erfahrungen mit dem hiesigen Gesundheitswesen berichtet sie hier.

 

Ich arbeite seit über 8 Jahren als Organisatorin bei der Swiss Dental Academy in Japan (SDA JAPAN), um mehr über die moderne Zahnmedizin in der Schweiz zu lernen. Zusammen mit anderen japanischen Zahnärzten und Dentalhygienikerinnen fahre ich dazu jedes Jahr für eine Woche in die Schweiz, nach Genf, Nyon, Bern oder Zürich. Angeboten wurde dieses Jahr auch ein Tagesausflug auf das Jungfraujoch, das «Top of Europe». Da ich bereits über acht Mal auf dem Jungfraujoch war, beschloss ich, zusammen mit meinem Kollegen von der Kleinen Scheidegg hinunter nach Grindelwald zu wandern. Der Weg war steil und mit kleinen Steinen gespickt. Wir gingen langsam und vorsichtig, um den Ausblick auf die Nordwand zu geniessen. Trotzdem passierte es: Ich rutschte aus und fiel hin.

Ich dachte, dass ich mir wohl den linken Knöchel verstaucht hätte. Beim Aufstehen aber knackste es laut und ich schrie vor Schmerzen auf. Danach konnte ich das Bein nicht mehr belasten, setzte mich auf den Boden und vermied jede Bewegung. Glücklicherweise kam bald eine Wandergruppe vorbei und alarmierte den Rettungsdienst der Kleinen Scheidegg. Der Sanitäter fixierte mein linkes Bein und bereitete umgehend einen Rollstuhl vor. Er empfahl mir, mich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus fliegen zu lassen. Ich aber hatte eine Zugfahrkarte nach Grindelwald und befürchtete ausserdem, dass die Kosten für einen Hubschrauber zu hoch sein würden. Also brachte mich der Sanitäter zum Zug nach Interlaken. Am Bahnhof wartete bereits ein Krankenwagen, der mich zum fmi-Spital Interlaken bringen sollte.

 

Die beeindruckende Aussicht auf die Eigernordwand konnte Yasuko Takeuchi nicht für lange geniessen. Ihr Kollege schaffte es noch, ein Foto zu schiessen. Bild: zvg

 

Ruhe, Freundlichkeit, Effizienz

Im Krankenwagen fragte mich eine junge Frau auf Englisch, was genau passiert war. Ich erkundigte mich nach ihrer Ausbildung und erfuhr, dass sie im medi (Zentrum für medizinische Bildung) in Bern gelernt hatte. Erst am Tag zuvor hatte ich die Abteilung für Dentalhygieneausbildung am medi besucht! Schon da war mir als Fachfrau aufgefallen, wie professionell und freundlich die Dentalhygienikerinnen uns empfingen. Dasselbe erlebte ich jetzt bei meinen Lebensrettern: Ruhe, Freundlichkeit und Effizienz.

Vor dem Spital Interlaken bat mich die junge Frau, ein Blatt Papier zu unterzeichnen. Es war eine Rechnung über 550 Franken für den Krankentransport. Das war neu für mich: In Japan ist der Krankenwagen kostenlos und wird über Steuern finanziert. Das hat in meiner Heimat zu hitzigen Diskussionen geführt. Manche Leute rufen einen Krankenwagen, obwohl gar kein Notfall vorliegt – sie nutzen ihn wie ein Taxi. Ich bewundere dieses gerechte Zahlungssystem für Krankentransporte in der Schweiz.

Die Krankenpflegerin in der Notaufnahme machte ebenfalls einen sehr professionellen Eindruck, sie war ruhig und gelassen. Sie erklärte mir, ich würde nun geröntgt. Als die Diagnose «Fraktur des linken Sprunggelenks » feststand, schilderte sie mir in verständlichen Worten, wie die Operation ablaufen würde.

 

Risiken durch Entzündungen im Mundraum

Nach ihrer Erläuterung kam eine Anästhesistin zu mir und frage mich nach meiner medizinischen Vorgeschichte. Ihre erste Frage war: «Leiden Sie an Parodontitis?» Das hat mich enorm beeindruckt.  Als Parodontologin erkläre ich Patienten und Zahnärzten immer wieder, dass Parodontitis bei vielen Erkrankungen, insbesondere Infektionskrankheiten, oberste Priorität hat. Ich glaube gar, dass chronische Zahnfleischentzündungen postoperative Infektionen begünstigen. Diese Meinung vertrete ich seit mehr als 20 Jahren, aber in Japan stosse ich damit grösstenteils auf taube Ohren. Es hat mich gefreut, dass Parodontitis in den medizinischen Einrichtungen der Schweiz so ernst genommen wird.

Alle Mitarbeitenden, denen ich im Spital Interlaken begegnete, waren den Patienten gegenüber sehr freundlich und zuvorkommend, sie lächelten häufig und beantworteten geduldig alle Fragen. Am meisten hat mich erstaunt, wie Patienten hier respektiert werden. Ich wollte das Krankenhaus am nächsten Tag verlassen, doch die Ärzte sagten, das sei nicht ratsam. Sie empfahlen mir, noch ein paar Tage zu bleiben. Ohne Weiteres respektierten sie aber meine Entscheidung. Sie bescheinigten mir Flugtauglichkeit und gaben mir ein paar Hinweise für eine angenehme Weiterreise.

 

Wo es sich verunfallen lässt

Als ich zurück in Japan war und mir in einer Klinik die Fäden ziehen liess, schockierte mich die Behandlung geradezu. Ein Arzt regte sich sehr darüber auf, dass ich das Krankenhaus einen Tag nach der OP verlassen hatte. Er meinte, ich hätte mindestens zwei Wochen im Krankenhaus bleiben müssen und mich nicht bewegen dürfen! Ich bin sehr froh, dass das Ganze in der Schweiz passiert ist.

Zufälligerweise brach sich auch ein Mitglied unserer Reisegruppe (eine Parodontologin) beim Skifahren in Davos das Hüftbein. Das Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, gehörte zur gleichen Gruppe wie die Klinik in Interlaken. Wir unterhielten uns über die hohen Standards der medizinischen Versorgung in der Schweiz und waren uns einig, dass diese Versorgung absolut beeindruckend ist. Was genau anders ist als in Japan, lässt sich nur schwer benennen. Für mindestens zwei Spitäler kann ich jedoch sagen, dass sich das Gesundheitswesen in der Schweiz auf die Patienten konzentriert. Wir nennen das «patientenorientiert». Meinen Freunden in Japan sage ich nun immer: «Wenn du dir schon einen Knochen brechen musst, dann mach es in der Schweiz!»

 

 

Politik+Patient 3/17